Migrationspolitik mag eine nationale Angelegenheit sein – ob jedoch gerade die wirtschaftliche Teilhabe gelingt, entscheidet sich maßgeblich auf der lokalen Ebene. Aus dieser Überzeugung heraus trafen sich circa 50 kommunale Expertinnen und Experten zu einer virtuellen Insight Session von Connective Cities. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Rolle Kommunen bei der Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und der Unterstützung migrantischen Unternehmertums einnehmen können.
Neben einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) über Rückkehr- und Weiterwanderungsabsichten von Eingewanderten in Deutschland bildeten Praxisbeispiele aus dem Kreis Pinneberg, Mersin (Türkei) und Oberhausen, München und Gharb Irbid (Jordanien) die Grundlage für eine tiefergehende Diskussion in Arbeitsgruppen. Dadurch zeigte sich eindrucksvoll, dass Kommunen eine entscheidende Rolle einnehmen können, damit sich das wirtschaftliche Potenzial von Migration auf lokaler Ebene entfalten kann.
Migrationspolitik mag eine nationale Angelegenheit sein – ob jedoch gerade die wirtschaftliche Teilhabe gelingt, entscheidet sich maßgeblich auf der lokalen Ebene. Aus dieser Überzeugung heraus trafen sich circa 50 kommunale Expertinnen und Experten zu einer virtuellen Insight Session von Connective Cities. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Rolle Kommunen bei der Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und der Unterstützung migrantischen Unternehmertums einnehmen können.
In der Verwaltung die Schnittstelle von internationaler Zusammenarbeit und Wirtschaftsförderung erschließen. Abbildung: Slido-Abfrage während der Online-Veranstaltung
Die Situation im Groben: Regionen und Länder mit Fachkräftemangel, zumeist einkommensstarke Länder, stehen Regionen und Ländern mit einem Überschuss an (qualifizierten) Arbeitskräften, zumeist einkommensschwächere Länder, gegenüber. In Deutschland zeichnet sich bis 2028 eine Lücke von 768.000 Fachkräften ab.
Das Potenzial von Fachkräftemigration ist für alle Seiten groß – faire Bedingungen vorausgesetzt. Interessant sind dabei auch Unternehmensgründungen von Migrant*innen, aus denen sich wiederum Arbeitsplätze generieren. In zwei Dritteln der OECD-Länder zeigen Migrant*innen hierfür eine größere Bereitschaft als die nicht migrierte Bevölkerung.
Ermutigend ist eine Online-Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) über Rückkehr- und Weiterwanderungsabsichten von Eingewanderten in Deutschland aus dem Jahr 2024, die während der Insight Session vorgestellt wurde. Danach haben rund dreiviertel (73,3 Prozent) der befragten Migrant*innen in den vergangenen 12 Monaten nicht über Abwanderung nachgedacht und auch keine derartigen Pläne für die nächsten 12 Monaten. Wenn Fachkräfte planen abzuwandern, begründen sie dies zuvorderst mit den komplexen bürokratischen Prozessen, der Steuerlast und der allgemeinen ökonomischen Situation in Deutschland. 47 Prozent würden dann in ihr Herkunftsland zurückziehen, 53 Prozent in ein anderes Land weiterwandern, darunter vor allem die Schweiz, andere europäische Länder und die USA.
„Deutschland als Zwischenstation?“ Dr. Lukas Olbrich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichtete aus einer Studie über Rückkehr- und Weiterwanderungsabsichten von Eingewanderten. Abbildung: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Die Verantwortung für migrationspolitische Weichenstellungen – auch in Bezug auf Fachkräfteeinwanderung – liegt in erster Linie bei den einzelnen Staaten. Auf internationaler Ebene bildet auch der „Global Compact for Migration“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2018 den politischen Rahmen für die Einwanderung von Fachkräften Die Mitgliedstaaten beteuern hier ihr Interesse, Bedingungen für Migrant*innen zu verbessern – wenn auch nicht rechtlich bindend. In Deutschland gilt zudem das 2019 verabschiedete Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das die Einwanderung von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten regelt und erleichtern soll. Ganz frisch zum Thema gibt es seit März 2026 die Fachkräfteallianz „WE-Fair – Wirtschaft und Entwicklungspolitik für faire Fachkräftegewinnung“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In dieser arbeiten Wirtschafts- und entwicklungspolitische Akteure gemeinsam daran, faire Rekrutierung und qualifizierte Einwanderung voranzubringen.
Vier Kommunen präsentierten bei der Insight Session, wie sie Fachkräfteeinwanderung und migrantisches Unternehmertum bei sich koordinieren.
Annika Abellán aus der KreisverwaltungPinneberg zeigte zunächst die Vielfalt der Akteure auf, die in den Prozess der Fachkräfteeinwanderung eingebunden sind und machte damit die Komplexität deutlich. Im Zentrum stehen immer die einwandernde Fachkraft und das arbeitgebende Unternehmen. Noch im Herkunftsland sind zudem die deutsche Botschaft, die Bundesagentur für Arbeit sowie die örtlichen Ausländerbehörden eingebunden. Für die weitere Vorbereitung (und später auch in Deutschland) kommen Anbieter von Sprachkursen und interkulturellen Trainings sowie Institutionen zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen ins Spiel. Für den Aufbau eines Lebens in Deutschland schließlich sind Akteure wie Wohnungsanbieter, Meldebehörden, Krankenversicherungen, Steuerbehörden sowie – je nach Einzelfall – Bezugseinrichtungen für Familienangehörige wie Kindertagesstätten und Schulen relevant.
Mit jeder dieser Stellen geht eine Fülle an Informationsbedarf einher, weswegen der Kreis Pinneberg als zentrale Dienstleistung Orientierung anbietet. „Unser Ziel ist einfach, aber ehrgeizig: Informationen dort zu teilen, wo sie gebraucht werden und die richtigen Leute zusammenzubringen“, erläuterte Annika Abellán. Wichtiges Instrument ist die auch für andere Kommunen verfügbare App „Integreat“, in der das fünfköpfige Team – zusammengesetzt aus verschiedenen Abteilungen der Kreisverwaltung – alle Informationen für Fachkräfte gebündelt zugänglich macht. Zudem werden Informationen über einen speziellen Newsletter, gezielte Mailings, das Online-Portal des Kreises sowie Social Media und die lokale Presse geteilt. Darüber hinaus leistet der Kreis regionale und überregionale Netzwerkarbeit und bringt die Akteure auch zu verschiedenen Fokusthemen zusammen, so etwa zum Thema Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Um Fachkräfteeinwanderung zu stimulieren, werden außerdem gezielte Projekte umgesetzt: Die „Fachkräfteallianz Pflege“ bezieht sich auf Fachkräfte im Gesundheitsbereich. Als Teil des bundesweiten Projekts „THAMM Plus“ könnte der Kreis zudem künftig die Zuwanderung von Fachkräften aus Nordafrika für die Arbeit in lokalen Kindergärten fördern.
„Es geht nicht nur um Arbeit, sondern auch darum, sich in Deutschland zuhause zu fühlen.“ (Annika Abellán, Kreisverwaltung Pinneberg)
Ähnlich geht die Stadt München die Herausforderung an: Auch sie adressiert alle Phasen von Fachkräfteeinwanderung und bündelt dies in der Fachkräftestrategie des „Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms (MBQ)“. „Was wir anbieten möchten, ist eine ganzheitliche Betreuung: Von der Vorbereitungsphase im Ausland über die Ankunft in München bis hin zu einer hoffentlich langfristigen Perspektive“, so Dr. Magdalena Ziolek-Skrzypczak aus dem Referat für Arbeit und Wirtschaft. Die Website „Make it in Munich“ macht Fachkräften bereits im Ausland Informationen und Beratung sowie – in Kooperation mit Partnern wie dem Goethe Institut – kostenlose Sprachkurse und IT-Fortbildungen zugänglich. Neu ist dabei die Stellenplattform „Münchner Jobbörse“, die die Sichtbarkeit von Münchner Unternehmen auf dem internationalen Arbeitsmarkt erhöht. In München angekommene Fachkräfte finden im „MBQ Munich Onboarding Hub“ einen zentralen One-Stop-Service zu allen arbeits- und lebensbezogenen Fragen. Angeboten wird unter anderem ein wöchentliches After-Work Open House, ein Unterstützungsprogramm für die Jobsuche und Bewerbungsphase und spezifische Unterstützung für migrantische Communities durch das Munich Global Village. Um Unternehmertum von Migrant*innen in München auch nachhaltig zu stärken, lobt die Stadt seit 2024 zudem den sogenannten „PhönixPreis“ aus. Dieser zeichnet erfolgreiche Unternehmensentwicklung, die Einrichtung und Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie Vielfalt in von Migrant*innen geführten Unternehmen aus.
Lokale Wirtschaftsentwicklung im Zusammenhang mit Migration ist auch ein Thema in kommunalen Partnerschaften. Beispielhaft stellten die Partnerstädte Mersin im Süden der Türkei und Oberhausen im Ruhrgebiet eine gemeinsam umgesetzte Studie aus dem Jahr 2024 vor. In beiden Kommunen bzw. ihren Ländern tragen Unternehmen von Menschen mit Migrationsgeschichte erheblich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Besonders in der Türkei habe sich diese Entwicklung mit den Fluchtbewegungen der jüngeren Vergangenheit weiter verstärkt, so Elif Tanburoğlu aus Mersin. Ziel der Studie war es nun, die spezifischen Herausforderungen und Bedarfe migrantischer Unternehmer*innen genau zu skizzieren – gefolgt der Beobachtung, dass diese besonders in der Gründungsphase zu kämpfen haben und über schlechtere Zugänge zu Angeboten der Wirtschaftsförderung und Netzwerken verfügen.
Ausgewählte Ergebnisse der Studie sind: Die Präsenz anderer migrantischer Communities und die Haltung der Aufnahmegesellschaft nehmen starken Einfluss auf die Entwicklung migrantischer Unternehmen. Migrantische Unternehmen in Oberhausen haben über die Jahrzehnte an Stabilität gewonnen. In Mersin beschleunigen vergleichsweise liberale Rahmenbedingungen die Gründung von Unternehmen.
Ein zweites Beispiel ist die Projektpartnerschaft zwischen Gharb Irbid in Jordanien und München. Gemeinsam arbeiten sie daran, kommunale Kapazitäten zur Stärkung von Frauen, jungen Menschen und Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt aufzubauen. Hierzu wurde in Gharb Irbid ein kommunales Unternehmen für die Produktion von Müllcontainern gegründet. Ein kommunales Existenzgründungszentrum für Frauen bietet Fortbildungen und Vermarktungsmöglichkeiten für handwerkliche Produkte an und bezieht dabei auch Migrantinnen ein. Besonders günstig erweist sich in München dabei die Tatsache, dass sowohl das Internationale Büro als auch der Bereich Kommunale Beschäftigungspolitik und Qualifizierung im Referat für Arbeit und Wirtschaft angesiedelt sind und damit grenzübergreifendes Denken und Wirtschaftsförderung leicht ineinanderfließen.
Abschließenden Arbeitsgruppen brachten die zentralen Erkenntnisse der Veranstaltung noch einmal auf den Punkt:
Kommunen, die sich neu des Themas Fachkräftemigration widmen, sollten klein anfangen: „Think big – start small!“, so die Empfehlung aus der Insight Session. Netzwerkarbeit ist ein Schlüssel. Ebenso durchdachte Informationsarbeit in Form von One-Stop-Lösungen. Angebote zur sozialen Integration sind essenziell: „Menschen bleiben nur, wenn sie mit ihrem gesamten Leben ankommen“, so eine Stimme aus der Veranstaltung. Zielführend ist eine enge Zusammenarbeit zwischen internationalen Büros und den Abteilungen für Wirtschaft. Und: internationaler Vergleich stimuliert. In Mersin etwa brauchen Migrant*innen nur rund drei Jahre, um ein Unternehmen aufzubauen, in Oberhausen sind es sieben.
Unternehmen sollten proaktiv auf die Anwerbung von ausländischen Fachkräften angesprochen und im Prozess begleitet werden, um Sorge vor bürokratischen Hürden zu nehmen.
Migrantisches Unternehmertum braucht Unterstützung. Die größten Herausforderungen liegen in Bürokratie, aufenthaltsrechtlichen Fragen und darin, langfristig zu bestehen. Migrantische Communities sind eine wichtige Ressource und sollten in die Angebote von Kommunalverwaltungen einbezogen werden. Dabei gilt: Integration in den Arbeitsmarkt ist ein wesentlicher Faktor für gesamtgesellschaftliche Integration – und auch umgekehrt.
Die Praxisbeispiele und die lebhafte Diskussion der Insight Session haben eindrucksvoll gezeigt, dass Kommunen eine entscheidende Rolle einnehmen können, damit sich das wirtschaftliche Potenzial von Migration auf lokaler Ebene entfalten kann.
Studie über Rückkehr- und Weiterwanderungsabsichten von Eingewanderten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): https://iab.de/publikationen/publikation/?id=14840245 Das „International Mobility Panel of Migrants in Germany (IMPa)“ ist eine neue längsschnittliche Online-Befragung, die ab 2024 belastbare Erkenntnisse zu Ursachen, Mustern und Auswirkungen der Mobilität von Migrant*innen erheben soll. In der ersten Befragung 2024 wurden ca. 50.000 Migrant*innen befragt.
App INTEGREAT INTEGREAT ist eine digitale Lösung für Kommunen und Bundesländer, um Migrant*innen und Geflüchteten Informationen niedrigschwellig und in mehreren Sprachen zugänglich zu machen. Für Nutzer*innen ist sie als mobile App verfügbar. Das Einpflegen von Informationen von Seiten der Kommunen ist ohne IT-Abteilung unkompliziert möglich. https://integreat.app/landing/de
Global Compact for Migration (GCM) / Globaler Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration Mit dem GCM hat sich die internationale Staatengemeinschaft 2018 erstmals auf einen umfassenden Rahmen für eine verbesserte internationale Zusammenarbeit im Bereich der grenzüberschreitenden Migration verständigt. https://www.iom.int/global-compact-migration
Deutsches Fachkräfteeinwanderungsgesetz Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz – in Kraft getreten am 1. März 2020 – schafft den Rahmen für eine gezielte und gesteigerte Zuwanderung qualifizierter oder auszubildender Fachkräfte oder Hochschulabsolvent*innen aus Drittstaaten (Nicht-EU-Länder). Es definiert den Fachkräftebegriff, soll formale und bürokratische Hürden reduzieren und Fachkräftemobilität insgesamt erleichtern. https://www.make-it-in-germany.com/de/visum-aufenthalt/fachkraefteeinwanderungsgesetz
David Kipp (2026): Zum Arbeiten nach Deutschland. Faire Anwerbung gestalten – Ausbeutung verhindern. Die Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt auf, wie faire Rekrutierung von Fachkräften aus Drittstaaten auf nationaler, bilateraler und internationaler Ebene gestärkt werden kann. https://collections.fes.de/publikationen/download/pdf/1970256
Projekt THAMM Plus Das Projekt „Unterstützung regulärer Arbeitsmigration und -mobilität zwischen Nordafrika und Europa“ (THAMM Plus) fördert Fachkräftemigration aus den Ländern Ägypten, Marokko und Tunesien. Es wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Bundesagentur für Arbeit in enger Kooperation mit den zuständigen staatlichen Institutionen in den Herkunftsländern umgesetzt. https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/projects-programs/crafts-technology-construction/thamm-plus/technik
Über ein Jahr arbeiteten ca. 30 Fachleute aus 6 Ländern im Rahmen des Lernprozesses „Nachnutzung von öffentlichen Gebäuden der Moderne der 60er und 70er-Jahre“ von Connective Cities an Lösungen, wie in die Jahre gekommene öffentliche Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren nachhaltig nach- oder umgenutzt werden können, anstatt sie abzureißen. Bei vier Veranstaltungen und zwei Arbeitstreffen von September 2024 bis September 2025 informierten sie sich über aktuelle Trends in diesem Bereich, vertieften ihr Wissen, erfuhren von externen Fachleuten Details über Lösungsansätze und inspirierten sich gegenseitig mit ihren jeweiligen Erfahrungen, Ansätzen und Ideen.
Doch die Teilnehmenden tauschten sich nicht nur aus, sie kamen auch ins Handeln. Sie arbeiteten ihre bei der Dialogveranstaltung im September 2024 in Berlin vorgestellten Projektideen weiter aus oder setzten sie zum Teil direkt um und griffen dabei Anregungen der anderen Teilnehmenden auf. Die innovativen und sehr unterschiedlichen Projekte zeigen auf beeindruckende Weise das Potenzial des Paradigmenwechsels – weg vom schnellen Abriss hin zu durchdachten Nach- und Umnutzungen – auf.
Die Dokumentation gibt Einblicke in die wesentlichen Ergebnisse.
Im Rahmen der Abschlussveranstaltung des „Connective Cities“-Lernprozesses in Südosteuropa kamen in Podgorica Kommunen, Geberorganisationen und Fachleute zusammen, um den regionalen Übergang zu nachhaltigen und erneuerbaren Energielösungen zu beschleunigen. Während drei intensiver Tage tauschten die Teilnehmenden praxisnahe Erfahrungen aus, präsentierten kommunale Projektkonzepte, traten in direkten Dialog mit Finanzierungsinstitutionen und besuchten ein erfolgreich abgeschlossenes Energieeffizienzprojekt in Cetinje. Der Workshop bildete den Abschluss von fast zwei Jahren Zusammenarbeit und versetzte die Kommunen in die Lage, ihre Ziele im Bereich erneuerbarer Energien in umsetzbare und finanzierbare Projekte zu überführen. Sie verfügen nun über klarere Finanzierungswege, stärkere Partnerschaften und konkrete nächste Schritte.
Auf freiwilliger Basis berichten immer mehr Kommunen über den Umsetzungsstand der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Agenda 2030 auf lokaler Ebene in sogenannten Voluntary Local Reviews (VLR) beziehungsweise Voluntary Sub-National Reviews (VSR) auf regionaler Ebene. Diese ergänzen die nationalen Berichte (VNR) der Regierungen und werden jedes Jahr beim sogenannten High Level Political Forum (HLPF) der Vereinten Nationen in New York präsentiert. Dadurch wird die lokale Ebene auf der internationalen Ebene sichtbarer. Allerdings wird in vielen Ländern auf nationaler Ebene mehr über als mit den lokalen Regierungen gesprochen, wenn es um die Erstellung von nationalen Nachhaltigkeitsstrategien geht. Dabei ist es die lokale Ebene, auf der über 65% der SDGs umgesetzt werden (müssen).
Anfang Dezember 2024 hat Connective Cities daher einen Lernprozess zur nachhaltigen Berichterstattung auf lokaler und regionaler Ebene gestartet. Ziel war es, durch einen internationalen Erfahrungsaustausch die Erstellung von VLRs und VSRs zu verbessern, die Umsetzung der SDGs zu beschleunigen und letztendlich den Dialog zwischen lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu fördern. Zum ersten Mal berieten sich in einem Lernprozess von Connective Cites Vertreter*innen kommunaler Verbände mit ihren Kolleg*innen aus den Stadtverwaltungen. Die regionale Vielfalt mit Perspektiven und Praxisbeispielen aus Südamerika, Subsahara Afrika, Deutschland, Südosteuropa und Asien belebte die Diskussion und trug zum Erfolg des Prozesses bei.
Die lokale Verwaltung spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Klimaschutzmaßnahmen in der MENA-Region. Städte und Gemeinden stehen dort zunehmend an vorderster Front, wenn es darum geht, auf klimabedingte Herausforderungen wie Wasserknappheit, extreme Hitze und die Anfälligkeit von Städten zu reagieren. Trotz nationaler Klimastrategien verfügen lokale Behörden oft nur über begrenzte finanzielle und technische Kapazitäten, um nachhaltige Lösungen umzusetzen. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Dezentralisierung der Klimapolitik wächst jedoch, indem den Gemeinden die Instrumente, das Wissen und die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um lokal zugeschnittene Klimainitiativen zu planen und umzusetzen. Kooperative Bemühungen, wie regionale Netzwerke, Peer-Learning-Plattformen und Partnerschaften mit der Zivilgesellschaft und dem privaten Sektor, tragen dazu bei, die lokalen Kapazitäten zu stärken und integrativere, partizipative Ansätze für die Klimaresilienz in städtischen und ländlichen Gebieten zu fördern. Vor diesem Hintergrund hat Connective Cities für den 13. Oktober 2025 eine Informationsveranstaltung organisiert, um bewährte Praktiken und Erfolge von Kommunen in der MENA-Region in diesem Bereich vorzustellen.
Planungsrahmen für die kommunale Hitzeanpassung in Assuan | Foto: Connective Cities
Dr. Marwa Ahmed, die Generaldirektorin für internationale Zusammenarbeit und Bürgerbeteiligung beim Stadtentwicklungsfonds in Ägypten, stellte die Gute Praktik „Entwicklung eines integrierten Maßnahmenrahmens gegen Hitze in Assuan, Ägypten” vor. Bei diesem Projekt arbeitete der Stadtentwicklungsfonds mit der Provinz Assuan zusammen, um sein institutionelles Wissen einzubringen und gleichzeitig fragmentierte Teile zusammenzufügen. Diese bilden nun die Grundlage für einen integrierten Maßnahmenrahmen gegen Hitze in Assuan. Das Ziel bestand darin, 1) eine zentrale Arbeitsgruppe mit den wichtigsten Abteilungen, die an der Entwicklung eines Hitzeschutzplans beteiligt sind, zu bilden und 2) einen allgemeinen Rahmen zu entwickeln sowie einen Bereich für die Pilotphase auszuwählen. Die im Rahmen der Vertiefung vorgestellten und diskutierten internationalen Erfahrungen wurden an den lokalen Kontext angepasst. Unter Nutzung des lokalen Fachwissens in Assuan über klimaresistente Planungs- und Bauweisen werden die lokalen Bauvorschriften überprüft und angepasst. Der allgemeine Rahmen umfasst Maßnahmen für die Planung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen, Vorsorge, Kommunikation und Arbeitssicherheit, die bebaute Umwelt, Infrastruktur und verwaltete Räume sowie ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen.
Es wurde über die Priorisierung und Auswahl der Gebiete abgestimmt, woraufhin „Elsail Elgadida” als Pilotgebiet ausgewählt wurde. Erste Bedarfsanalysen mit Anwohner*innen ergaben eine Vielzahl städtischer Herausforderungen, darunter der Mangel an sicheren öffentlichen Räumen. Dementsprechend wurde vorgeschlagen, eine der zahlreichen breiten Straßen des Stadtteils für diesen Zweck auszuweisen, indem sie in eine Fußgängerzone umgewandelt und mit Baumpflanzungen, Schattenspender und Stadtmobiliar aufgewertet wird. Die Anwohner erklärten sich bereit, bei der Bewässerung der gepflanzten Bäume mitzuhelfen.
Einschätzung der Fussgängerfreundlickeit in Constantine | Foto: Connective Cities
Herr Al-Hani Maghzi (Vertreter der Gemeinde Constantine, Algerien) stellte die ersten Ergebnisse und den Fahrplan für die Verbesserung der Fußgängerfreundlichkeit und den Übergang zu einer transitorientierten Entwicklung in Constantine vor. Er stellte den mehrstufigen Fahrplan vor, der eine Vielzahl von Maßnahmen umfasst, die in strukturelle (z. B. Überprüfung des Mobilitätsplans), umfassende (z. B. Reduzierung des Autoverkehrs, Verbreiterung der Gehwege, Neugestaltung der Parkplätze) und vorrangige Maßnahmen (Umwandlung des Stadtzentrums in eine fußgängerfreundliche Zone) unterteilt sind. Er schloss seine Präsentation mit der Feststellung, dass grüne und lebenswerte Städte Fußgängern Vorrang vor Fahrzeugen einräumen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beispiele gezeigt haben, wie dezentrale Zusammenarbeit den Wissensaustausch fördert, globale Partnerschaften stärkt und Innovationen bei lokalen Klimaanpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen vorantreibt. In der anschließenden lebhaften Diskussion erhielten die Teilnehmenden umsetzbare Erkenntnisse und Instrumente, mit denen sie Klimaresilienz in die lokale Planung, Infrastruktur und Dienstleistungserbringung integrieren können, während sie gleichzeitig soziale Gerechtigkeit und langfristige ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten.
Städte spielen beim Klimawandel eine doppelte Rolle: Einerseits tragen sie maßgeblich zu ihm bei, andererseits sind sie besonders anfällig für seine Auswirkungen. Diese Dynamik führt zu einer Rückkopplungsschleife, die die Herausforderungen für Städte weiter verschärft: Der Beitrag der Städte zum Klimawandel verschlimmert nämlich genau die Risiken, denen städtische Zentren ausgesetzt sind. Da Städte weltweit bereits jetzt die Auswirkungen des Klimawandels, wie steigende Temperaturen und häufigere Hitzewellen, zu spüren bekommen, ist proaktive, risikobewusste Planung dringender denn je.
Der Leitfaden „Cities Leading by Example: A Guidebook on Risk-Informed Planning and Heat Mitigation” (Städte gehen mit gutem Beispiel voran: Ein Leitfaden für risikobewusste Planung und Hitzeminderung) richtet sich an kommunale Akteure, Stadtplaner, politische Entscheidungsträger und Gemeindevorsteher, die einen risikobewussten Ansatz verfolgen und die Anpassung an Hitze in ihre Planungsprozesse integrieren möchten. Anhand praxisorientierter Beispiele befasst sich dieser Leitfaden mit den Erfahrungen von Städten bei der Ausarbeitung von Strategien und Maßnahmen, der Optimierung der institutionellen Rahmenbedingungen und Steuerungsstrukturen, der Förderung einer effektiven Kommunikation und Bürgerbeteiligung sowie der Nutzung evidenzbasierter Planung unter Verwendung von Klimadaten.
Bei der Verabschiedung der Agenda 2030 haben sich die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (VN) verpflichtet, bei der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) eng mit lokalen und regionalen Regierungen zusammenzuarbeiten. Seit 2015 engagieren sich Städte, Regionen und ihre Verbände zunehmend, die globalen sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen, um die SDGs vor Ort zu lokalisieren.
Vom 02. bis 04. Dezember 2024 trafen sich in den Räumen des Deutschen Städtetages in Berlin 37 Praktiker*innen aus 25 Institutionen und 15 Ländern, um sich über ihre Erfahrungen in der Berichterstattung auszutauschen. Zum ersten Mal berieten sich in einer Dialogveranstaltung von Connective Cites Vertreter*innen kommunaler Verbände mit ihren Kolleg*innen aus den Stadtverwaltungen. Die regionale Vielfalt mit Perspektiven und Praxisbeispielen aus Südamerika, Subsahara Afrika, Deutschland, Südosteuropa und Asien belebte die Diskussion und trug zum Erfolg der Veranstaltung bei. Fünf Projektideen wurden im Rahmen der Aktionsplanung entwickelt und werden voraussichtlich in 2025 umgesetzt.
Der Deep Dive hat einen weiteren Meilenstein in dem zweijährigen Prozess erreicht: Der letzte Workshop fand vom 21. bis 23. Januar 2025 in Assuan (Ägypten) statt. Der Workshop markierte den Übergang von der Phase der Erprobung von Lösungen zur Optimierung und zum Upscaling. Die Teilnehmenden, die die Städte Nairobi, Aswan, Mombasa, Lüdenscheid, Heidelberg und Lviv (virtuell) vertraten, diskutierten die Ergebnisse der Umsetzung ihrer Pilotprojekte. Darüber hinaus hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich über Projekte und Initiativen im Gouvernement Assuan zu informieren, die für die nachhaltige Stadtentwicklung und den städtischen Klimaschutz von Bedeutung sind.
Programm
Die Workshop-Aktivitäten erstreckten sich über drei Tage und umfassten neben einer Exkursion in Assuan auch Peer-Advisory-Aktivitäten, Präsentationen und einen technischen Input von Prof. Jürgen Kropp vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Eine Reihe von Peer-to-Peer-Austausch zwischen den Teilnehmenden, die unter unterschiedlichen lokalen Bedingungen arbeiten, wurde ermöglicht. Am ersten Tag diskutierten die Teilnehmenden ihre wichtigsten Erkenntnisse aus der Umsetzung ihrer Pilotprojekte und erläuterten die Maßnahmen, die sie ergriffen haben, um die Zusammenarbeit mit den relevanten Interessengruppen und die Nachhaltigkeit der Ergebnisse der Pilotprojekte zu gewährleisten. Darüber hinaus beleuchtete der stellvertretende Gouverneur von Assuan, Mr. Amr Lashin, in einer Grundsatzrede die Bemühungen um einen Übergang zu einer auf den Menschen ausgerichteten Stadtentwicklung im Gouvernorat. Die Einführung umfasste auch eine Präsentation des Generalmanagers für internationale Zusammenarbeit und Bürgerbeteiligung des Stadtentwicklungsfonds (UDF), Dr. Marwa Soliman, die die Rolle des Fonds und seine zahlreichen Projekte zur integrierten Stadtentwicklung und zum städtischen Klimaschutz erläuterte.
Am zweiten Tag folgten eine Reihe von Übungen, die die Teilnehmenden dazu anleiteten, Optimierungsbereiche für ihre Pilotprojekte und Methoden für die Hochskalierung zu identifizieren. Dazu gehörten 1) die Standardisierung des Designs und der Replikation, 2) die Planung der schrittweisen Hochskalierung, 3) die Zuweisung finanzieller und personeller Ressourcen, 4) die Neudefinition der zu erwartenden Risiken angesichts des größeren Umfangs der Umsetzung und 5) die Überwachung des Fortschritts einschließlich der Definition von Leistungsindikatoren.
Der letzte Tag beinhaltete eine Sitzung, in der die Teilnehmenden ihre Erfahrungen in den verschiedenen Phasen des Deep Dive reflektierten, sowie eine gemischte Sitzung mit Prof. Kropp, der ihre Fragen zu verschiedenen technischen Themen beantwortete, darunter 1) die Nutzung künstlicher Intelligenz in der Klimaforschung und die Entwicklung von Lösungen, 2) die Kanalisierung von Klimafinanzierung zur Umsetzung von Maßnahmen zur Abschwächung der städtischen Hitze, 3) bestehende erschwingliche Lösungen, die eine große Wirkung haben, 4) die Position von Städten und lokalen Regierungen in internationalen Klimaverhandlungen wie der COP29 und 5) der Aufbau klimaresistenter Gesundheitssysteme. Diese Themen werden im Mittelpunkt einer Reihe von virtuellen Sitzungen stehen, die in den kommenden Monaten mit Prof. Kropp und dem PIK stattfinden werden.
Dokumentation der Connective Cities Dialogveranstaltung vom 24. bis 26. September 2024 in Berlin.
Öffentliche Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren prägen das Bild vieler Städte weltweit. Sie entsprechen heute aber meist nicht mehr den technischen, energetischen und ästhetischen Ansprüchen des 21. Jahrhundert und werden häufig abgerissen und durch neue Gebäude ersetzt. Jedoch bergen sie ein großes Potenzial, Emissionen im Bausektor zu reduzieren und so zur Eindämmung des Klimawandels beizutragen.
Knapp 25 kommunale Fachleute aus Deutschland, Kenia, Montenegro, den Palästinensischen Gebieten, Sambia und aus der Ukraine tauschten sich bei der Dialogveranstaltung über Lösungsansätze und Herausforderungen für die nachhaltige Nachnutzung öffentlicher Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren aus und erarbeiten gemeinsam Projektideen. Neue Konzepte beinhalten nicht selten eine multifunktionale Nutzung für Wohnraum, Soziales, Bildung, Kultur, Einzelhandel und Büroräume.
Eine kürze Zusammenfassung und eine Fotogallerie befindet sich auf unserer Microsite: „Nachhaltiger als Abreißen“