Die soziale Stadt

Stadtteilentwicklung inklusiv und sozial gestalten

Wenn sich soziale, bauliche und wirtschaftliche Probleme in einzelnen Stadtteilen konzentrieren, stellt dies Städte vor große Herausforderungen, auch wenn es regional in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern sehr unterschiedliche Ausprägungen und Rahmenbedingungen gibt. Immer größere Bevölkerungsgruppen sind von gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialer Teilhabe ausgeschlossen. Um dieser Ausgrenzung entgegenzuwirken, sind ganzheitliche Handlungsansätze gefordert. Nur so können Städte Chancengleichheit für die Bewohner unterschiedlicher Stadtteile fördern und eine nachhaltige Entwicklung von Stadtteil und Gesamtstadt ermöglichen.

Beiträge zur Nachhaltigkeit können auf quartiers- und gesamtstädtischer Ebene geleistet werden. Städte in Europa orientieren sich dabei zumeist am Leitbild der räumlich kompakten, nutzungsgemischten, sozialen und kulturell integrierenden Europäischen Stadt. Städte außerhalb Europas erproben andere innovative Konzepte die ihrem lokalen Kontext entsprechen, wie etwa die Stadt Medellín in Kolumbien, die unter dem Leitbegriff „Social Urbanism“ sozialverträgliche Investitionen in ihre städtische Infrastruktur tätigt.

Darüber hinaus sind Städte aufgefordert, angesichts tendenziell wachsender Einkommensunterschiede der Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern ebenso wie in Industrieländern, den sozialen Ausgleich in den Blick zu nehmen, um damit auch für einen sozialen Frieden in der Stadt zu sorgen. Das „Recht auf Stadt“ ist hier ein wichtiges Konzept, das allen Bürgern gleichermaßen einen Zugang zu den städtischen Opportunitäten ermöglichen will und dementsprechende Investitionen in die soziale Infrastruktur und die wirtschaftsnahen Einrichtungen erfordert.

Benachteiligte Quartiere in Entwicklungs- und Schwellenländern können sehr unterschiedliche Formen annehmen, beispielsweise als baufällige Innenstädte, verwahrloste Hochhaussiedlungen oder informelle Siedlungen ohne Versorgungseinrichtungen und städtische Landtitel. Charakteristisch für diese Gebiete sind weit verbreitete Armut und Gewalt. Vielerorts haben sich zivilgesellschaftliche Bewegungen gebildet, um Missstände auf politischer und praktischer Ebene zu bekämpfen. Nichtregierungsorganisationen sind in den betroffenen Quartieren aktiv, um die Infrastruktur zu errichten, welche der Staat nicht zur Verfügung stellt. Nicht-staatliche Akteure agieren als Vermittler zwischen öffentlichen Institutionen und der lokalen Bevölkerung. Diese Dynamik hat dazu geführt, dass sich eine Vielzahl von Kooperationsmodellen zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Trägern entwickeln konnte. Mit wachsendem Erfahrungswissen erkennen nun auch die betroffenen Kommunen und Regierungen ihre Handlungsoptionen und initiieren soziale Programme und Entwicklungsprojekte.

Dazu werden bauliche Maßnahmen - oftmals integriert mit Programmen zur Verbesserung von Bürgerbeteiligung, Bildung, Wirtschaft und Beschäftigung, sowie Gesundheit und Sicherheit durchgeführt. Das „Beteiligungsorientierte Entwicklungsprogramm in städtischen Armutsgebieten“ in Ägypten ist ein solches Beispiel für eine integrierte Stadtteilaufwertung als Kooperation verschiedener Akteure. Im Krefelder Samtweberviertel initiierte die Montag-Stiftung ein Modellprojekt zur Neubelebung einer sozial und ökonomisch benachteiligten Nachbarschaft und zeigte damit auf, wie durch Beteiligung der interkulturell geprägten Bevölkerung und in Zusammenarbeit mit der Kommune eine gerechte Stadtentwicklung funktionieren kann.

Darüber hinaus ist aber auch die Integration benachteiligter Stadtteile in die Gesamtstadt von Bedeutung und kann einen wichtigen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt und die Sicherheit in der Stadt bedeuten. Hier kann das städtische Mobilitätssystem einen wichtigen Anknüpfungspunkt darstellen. In Medellín/Kolumbien konnte so zum Beispiel ein Seilbahnsystem in Kombination mit anderen baulichen Stadtentwicklungsmaßnahmen die Integration von benachteiligten Stadtteilen fördern.

 
Deutsche Kommunen setzen in Stadtquartieren, in denen sich soziale und wirtschaftliche Probleme ballen, auf Ansätze des Quartiersmanagements. Bei diesem gebietsbezogenen Ansatz geht es darum, zusammen mit Bewohnern, lokalen Akteuren und im Stadtteil aktiven Institutionen ganzheitliche und integrierte Handlungsprogramme zu formulieren und umzusetzen. Dieser integrierte Ansatz hat zum Ziel, auf Stadtteilebene die Teilhabe der Bevölkerung in so unterschiedlichen Bereichen wie Wohnen, Mobilität, Wirtschaft, Bildung und Kultur zu ermöglichen. Um die unterschiedlichen Aufgaben des Quartiersmanagements wahrnehmen zu können, werden in betroffenen Stadtteilen häufig Bürgerbüros eingerichtet, die eine direkte Kooperation mit den Bürgern vor Ort ermöglichen. Die Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen auf Quartiersebene, die sich aktiv in das lokale Geschehen einmischen und es mitgestalten, ist ein wichtiger Bestandteil dieses Ansatzes. Derartige integrative Ansätze ermöglichen eine nachhaltige soziale und ökonomische Entwicklung bei gleichzeitigem Einbezug und Ausgleich aller Interessen.

Über diese stadtteil- und wohngebietsbezogenen Aspekte, sind im Sinne der Aufgabe der sozialen Stadt weltweit auch spezifische Interessen von Bevölkerungsgruppen mit besonderem Bedarf von Bedeutung, wie Kinder und Jugendliche, ältere Bürger, Menschen mit Behinderung und in die Stadt migrierte Bürger, wobei international mit der inklusiven Stadt eher die Integration aller Bürger gemeint ist, während im deutschen Kontext beim Inklusionskonzept insbesondere auf die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung eingegangen wird – mit Bezug auf die UN-Behindertenrechtskonvention.

Praxisbeispiele

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Partizipative Stadtteilentwicklung in Kairo

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