Wenn Fakten unter Druck geraten – Vertrauen als Schutzschild gegen Desinformation
Erfahrungen aus Deutschland und der Ukraine beim Connective Cities Fachforum im Rahmen der 8. Deutsch-Ukrainischen Kommunalen Partnerschaftskonferenz
Desinformation und polarisierende Narrative stellen Kommunen zunehmend vor Herausforderungen. Falschinformationen können das Vertrauen in kommunale Institutionen schwächen, gesellschaftliche Spannungen verstärken und sich insbesondere in Krisensituationen innerhalb kürzester Zeit verbreiten. Wie können sich Kommunen darauf vorbereiten und schnell, glaubwürdig und wirksam reagieren?
Diese Frage stand im Mittelpunkt des Connective Cities Fachforums „Wenn Fakten unter Druck geraten: Kommunen wirksam gegen Desinformation stärken“ am 8. Oktober 2026 in Berlin im Rahmen der 8. Deutsch-Ukrainischen Kommunalen Partnerschaftskonferenz vom 7. bis 9. Oktober 2026.
Die Konferenz brachte rund 600 deutsche und ukrainische Kommunalvertretende und weitere Engagierte aus dem Partnerschaftsnetzwerk zusammen, um Erfahrungen und erfolgreiche Ansätze auszutauschen, aktuelle Herausforderungen der Zusammenarbeit zu diskutieren und die kommunale Resilienz sowie die deutsch-ukrainischen Partnerschaften weiter zu stärken.
Von kommunaler Praxis lernen
Wie erkennt eine Verwaltung, dass sich Desinformation verbreitet? Wann und wie sollte sie reagieren? Welche Rolle spielen Bürgermeister*innen, Pressestellen, lokale Medien und Zivilgesellschaft?
Ukrainische Kommunen sind unter den Bedingungen des russischen Angriffskrieges einem besonders hohen Informationsdruck ausgesetzt. Ihre Erfahrungen mit Krisenkommunikation, dem Umgang mit Gerüchten und Falschinformationen sowie dem Aufbau verlässlicher Informationskanäle bieten wichtige Anknüpfungspunkte für den gemeinsamen Austausch.
Desinformation verstehen: Methoden und Ziele

Katharina Nocun, Publizistin und Bürgerrechtlerin, skizzierte die Grundzüge von Desinformation und Desinformationskampagnen. Diese arbeiten zum Beispiel mit imitierten Webseiten bekannter Printmedien oder auch mit gefälschten Nutzerkonten und einer Beitragsflut auf Social-Media-Plattformen. Mit den Mitteln künstlicher Intelligenz sei die Umsetzung einfach und billig geworden, so Katharina Nocun. Das Ziel: Feindbilder aufbauen, Unsicherheit und Misstrauen schüren, demokratische politische Systeme destabilisieren. Zu beobachten sei aber auch, dass Desinformationskampagnen zunehmend schlicht gewinnorientierte Ziele verfolgen und dazu zum Beispiel die Monetarisierungsmöglichkeiten von Social-Media-Plattformen nutzen. „Propaganda hat dann ihr Ziel erreicht, wenn Menschen verunsichert werden. Es reicht, wenn Unsicherheit gestreut wird“, so Nocun.
Praxis aus Deutschland: Wenn das eigene Gesicht zur Fälschung wird
Wie reagiert eine Kommune, wenn Desinformation vor Ort ankommt? Welchen Spielraum hat sie, und wann sollte sie handeln? Und wie lässt sich das Vertrauen in die Verwaltung erhalten und stärken, damit die Kommune widerstandsfähiger wird? Zwei Beispiele aus Deutschland gaben Antworten.

Thomas Otto, Bürgermeister der Gemeinde Saterland in Niedersachsen, wurde selbst zum Ziel: Im Netz kursierten KI-generierte Bilder von ihm, die den Politiker in verschiedenen Posen zeigen – unter anderem mit einem Strick um den Hals. Diese Fälschungen beschädigten die Glaubwürdigkeit des Bürgermeisters und der gesamten Verwaltung. In einer kleinen Kommune sei es ein Vorteil, dass die handelnden Personen bekannt sind, so Otto. Dennoch sind die Folgen noch heute, zwei Jahre nach dem Vorfall, spürbar.

Dr. Pia-Mareike Heyne, Leiterin des Referats für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt der Stadt Leipzig, machte deutlich, dass Vertrauen auch innerhalb der Stadtverwaltung wachsen muss. Eine zentrale Herausforderung für Verwaltungen sei es zudem, schnell zu reagieren. So kursierte im Februar 2025 kurz vor der Bundestagswahl ein über die sozialen Medien verbreitetes Video, das zwei angebliche Briefwahlzettel aus Leipzig zeigte, auf denen die AfD fehlte. Dies zwang die Stadt Leipzig zur schnellen Aufklärung und Richtigstellung.
Praxis aus der Ukraine: Informationen als kritische Infrastruktur
Unter dem Titel „Wie ukrainische Kommunen unter Kriegsbedingungen Vertrauen und Resilienz aufbauen“ ging es um Fragen, die sich jede Kommune in einer Krise stellen muss: Wie informiert sie, und welche Kanäle funktionieren tatsächlich? Wie geht sie mit Gerüchten in sozialen Medien um? Wie vermeidet sie widersprüchliche Informationen verschiedener Behörden, wie schützt sie sensible Informationen, und welche Rolle spielen lokale Medien?

Dinara Habibulaieva, Stadträtin in Kyjiw, berichtete, dass Informationen in der Ukraine inzwischen als kritische Infrastruktur gelten, die ebenfalls Ziel russischer Angriffe ist. Desinformation werde zum einen eingesetzt, um Unsicherheit über die Unterstützung des Westens für die Ukraine zu säen. Zum anderen richten sich Desinformationskampagnen gegen die Warnsysteme, die die Bevölkerung bei Angriffen alarmieren. Vor allem in den sozialen Medien verbreiteten sich falsche Informationen zu Gefährdungslagen und Angriffszielen, teils gezielt aus Russland gesteuert, teils von Bloggern, die unprofessionell Fehlinformationen streuen. Das zentrale Problem sei die Geschwindigkeit der Plattformen: Faktenchecks und Richtigstellungen kämen oft zu spät.
„Propaganda spielt nicht mit Fakten, sondern mit Zweifeln.“ – Dinara Habibulaieva
Welche Folgen falsche Informationen haben können, machte Vitaliy Zhylenko, Berater des Bürgermeisters von Sumy, deutlich. Er betonte, wie wichtig Medienerziehung für junge Menschen ist.
„Sumy liegt nur 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Wir haben oft 16 Stunden Luftalarm am Tag und wenig Vorwarnzeit. Wenn falsche Informationen zu Angriffszielen gestreut werden, verfallen Menschen in Panik oder verlieren ihr Leben.“ – Vitaliy Zhylenko
Podiumsdiskussion: Voneinander lernen

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach Dr. Simon Schlegel, Direktor des Ukraine-Programms des Think Tanks Zentrum Liberale Moderne, über das Voneinanderlernen. Er hob die Wirksamkeit von Prebunking hervor: Menschen werden vorbeugend über typische Manipulationstechniken aufgeklärt, damit sie Desinformation erkennen und abwehren können, bevor sie sich verbreitet. Debunking hingegen widerlegt falsche Behauptungen erst im Nachhinein.
Auf die Frage, was Kommunen besser machen könnten, antwortete Dr. Pia-Mareike Heyne: „Ich würde gar nichts anders machen, ich würde mehr machen. Wir wissen alles, was wir wissen müssen, und was wir nicht wissen, wissen unsere Partner. Daher müssen wir einfach mehr machen.“
Lösungsansätze: Vertrauen stärken und Medienkompetenz fördern
Zwei Strategien stachen bei den Lösungen heraus. Erstens gilt es, das Vertrauen der Bevölkerung in öffentliche Institutionen und öffentliche Informationen zu stärken. Zweitens muss Medienkompetenz früh gefördert werden. Zugleich sollte die Bevölkerung ebenso wie die Mitarbeitenden in den Kommunen für Desinformation sensibilisiert werden.

Dr. Andrea Jonas vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung stellte dazu das Heft „Mit Desinformation umgehen“ vor. Es beschreibt Gegenstrategien zu Desinformationskampagnen und bietet Orientierungshilfen, um in der Stadt- und Regionalentwicklung den umkämpften Informationsraum demokratisch und zukunftsfähig zu gestalten.
Fazit
Das Fachforum hat gezeigt: Desinformation lässt sich nicht vollständig verhindern, aber Kommunen können sich darauf vorbereiten. Entscheidend ist das Vertrauen der Bevölkerung, das Verwaltungen im Alltag aufbauen müssen, bevor die Krise kommt, und zwar nach außen wie auch innerhalb der Verwaltung. Dazu gehören schnelle und verlässliche Kommunikation, Prebunking statt reiner Richtigstellung im Nachhinein und Medienkompetenz für alle. Die ukrainischen Erfahrungen zeigen, wie weit Desinformation gehen kann und wie wichtig geschützte Informationskanäle sind. Entscheidend ist auch, vorhandenes Wissen konsequent anzuwenden. Oder wie Pia-Mareike Heyne es formulierte: einfach mehr machen.

