05.12.2025

Zusammenspiel nachhaltiger Mobilitätsformen

Auftakt des neuen Lernprozesses zu nachhaltiger Mobilität in Bonn

Connective Cities hat vom 25. bis 27. November zu einer Dialogveranstaltung in Bonn eingeladen. 38 Expert*innen aus 20 Kommunen in 11 Ländern waren diesem Aufruf gefolgt, um ihre innovativen Projektansätze mit ihren Kolleg*innen zu diskutieren und gemeinsam an neuen Umsetzungsideen zu arbeiten.

Stefan Wagner, Leiter des Amtes für Internationales und globale Nachhaltigkeit der Stadt Bonn begrüßte die Gäste ganz herzlich, insbesondere die Kolleg*innen aus Bonns Partnerstadt La Paz. Beide Städte arbeiten bereits in vielen Nachhaltigkeitsprojekten zusammen. Bonn selbst hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden und im Bereich Mobilität bis dahin 75% CO2-freie Mobilitätsformen zu realisieren.

Jan Strehmann steht rechts neben der Präsentationsleinwand, im Vordergrund sind Köpfe der Teilnehmenden
Jan Strehmann über die Komplexität regionaler Mobilitätsplanung in Deutschland | Foto: Aschoffotografie, Engagement Global

Jan Strehmann, Referatsleiter im Bereich Mobilität beim Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) zeigte in seinem Eingangsvortrag die Komplexität regionaler Mobilitätsplanung in Deutschland auf. Nicht selten spielen da die verschiedenen Ebenen von Bund, Land, Landkreis und einzelner Kommune hinein, teils als Geldgeber, teils als Planungseinheit. Für die Bereitstellung öffentlichen inter-urbanen Nahverkehrs schließen sich zudem nicht selten kommunale wie private Verkehrsanbieter zu Verkehrsverbünden zusammen. Dabei spiele nicht Wettbewerb, sondern eine passgenaue Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle, um einen reibungslosen Personentransport zu gewährleisten.

Melanie Schade, Projektleiterin im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) stellte in ihrer Präsentation Mobilikon vor. Das Online-Nachschlagewerk bündelt Mobilitätswissen im ländlichen Raum und erleichtert so Kommunen die Vorbereitung und Umsetzung von Mobilitätsmaßnahmen. Die Datenbank enthält 104 Maßnahmen, 110 Instrumente für deren Umsetzung, 79 Umsetzungshilfen, z.B. für die externe Kommunikation oder Datenerhebungen, sowie 206 konkrete Praxisbeispiele. Verschiedene Filter, z.B. zur Raumstruktur, Kosten und Umsetzungsdauer erleichtern dabei die Suche passender Maßnahmen.

Der neue Referent im Referat Länder und Kommunen des Bundesentwicklungsministerium, Jürgen Kretz, zeigte sich in seiner Begrüßungsrede erfreut, dass Connective Cities im Oktober 2025 nicht nur in eine neue Phase gestartet ist, sondern mit drei neuen weiteren Partnern: dem DStGB, dem deutschen Landkreistag (DLT) und dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU) jetzt auch innerhalb Deutschlands breiter aufgestellt sei.

Das Connective Cities Team leitet in den fachlichen Teil der Veranstaltung bzw. die Projektpräsentation über.

Die Teilnehmenden stehen auf der Treppe des alten Rathauses von Bonn.
Die Teilnehmenden vor dem alten Bonner Rathaus | Foto: Aschoffotografie, Engagement Global

Vertreten waren kleine Gemeinden wie Schlangen im Teutoburger Wald mit gut 9.000 Einwohner*innen bis hin zu Millionenmetropolen wie Rio de Janeiro oder München. Ebenso vielfältig waren die innovativen Ansätze: Das in Deutschland einmalige kostenlose Linien-E-Carsharing in Borgholzhausen verbindet Kommunen im ländlichen Raum mit nächstgelegenen Bahnhöfen. Kisumu in Kenia entwickelte u.a. ein Batterietauschmodell für E-Motoradtaxis, Boliviens Hauptstadt La Paz plant, sein weltweit größtes Seilbahnnetz mit seinen 36 Stationen enger an das Busnetz anzubinden und Rio de Janeiro entwickelt ein multi-modales Netz aus Schnellbussen, Bussen, Radnetzausbau, Fahrradparkplätzen und E-Fahrradverleih. Das ukrainische Vinnytsa baut trotz oder wegen des Krieges sukzessive seine öffentliche Infrastruktur barrierefrei um. Die Stadt Monheim setzt auf autonom fahrende Shuttle Busse und Windhoek in Namibia stellt Studierenden leihweise E-Fahrräder zur Verfügung. Poti in Georgien wie auch Strumica in Nordmazedonien erweitern ihre Radwegenetze, und Dortmund baut systematisch seine Ladeinfrastruktur für Autos und E-Bikes aus. München verfolgt eine umfassende Strategie, um die verschiedenen CO2-freien Mobilitätsformen, u.a. mittels einer App und Mobility Hubs, möglichst eng miteinander zu verknüpfen. Und dies sind nur einige der Projektbeispiele.

Trotz allen strukturellen, geographischen und kulturellen Unterschieden wurde während der verschiedenen Runden des Erfahrungsaustausches doch schnell klar, dass es hauptsächlich ähnliche Herausforderungen gibt. Diese sind unter anderem:

  • komplexe institutionelle Rahmenbedingungen;
  • Konflikte über die Nutzungsart des begrenzten öffentlichen Raumes;
  • fehlende Standards in der Datenerhebung und Datenverarbeitung;
  • Infrastrukturschäden durch Vandalismus und Diebstahl;
  • wechselnde Politikvorgaben und/oder unklare rechtliche Rahmenbedingungen;
  • unterschiedliche und hohe Erwartungen der Stakeholder;
  • die gewohnten Verhaltensmuster in Punkto Mobilität in der Bürgerschaft zu ändern;
  • eine unzureichende finanzielle Ausstattung für die Projektumsetzung;
  • und letztendlich: an Knowhow über ähnliche Projekte zu gelangen.

 

Beim letzten Punkt konnte während der Tagung Abhilfe geschaffen werden. Intensiv wurden in kollegialer Beratung Umsetzungsherausforderungen in Bergholzhauen, Kisumu, La Paz, München, Poti, Trapzon (Türkei), Strumica und Windhoek diskutiert.

Weitere Projektideen wurden im Action Planning aufgegriffen:

  1. „Pedestrian Angles“ – Öffentlichkeitsarbeit für das Zufußgehen in Kisumu
  2. Integrierte Mobilitätsplanung mit politischer Rückendeckung in Windhoek
  3. Verbessertes Datenmanagement in Vinnytsa
  4. Entwicklung einer sicheren Fahrradinfrastruktur in Poti

 

Den Abschluss der Dialogveranstaltung bildete eine Exkursion zu einem Busdepot der Stadtwerke Bonn (SWB) mit Auflade-Infrastruktur für elektrische Linienbusse, zur Radstation am Bonner Hauptbahnhof und zu Mobilitätsstationen mit Angeboten wie z.B. (Lasten-)Fahrradverleih,  sicheren Fahrradparkboxen , Car-Sharing Parkplätzen  und auch städtischen Ladevorrichtungen für E-Fahrzeugen in der Bonner Südstadt.

Projektkoordinatorin Marcella Sobisch wird den Lernprozess im folgenden Jahr weiter betreuen und ist Ansprechpartner*in für die Gruppe und weitere Interessierte: marcella.sobisch@engagement-global.de.

Impressionen

    

Alle Fotos: Aschoffotografie, Engagement Global