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26.03.2018

Smart Cities – Stadtverkehr für übermorgen

Zwischenergebnisse eines Forschungsprojekts zur Zukunft des Stadtverkehrs und ein explorativer Blick in die Zukunft: Fiktionale Stadtkonzepte in Form von Zukunftstypen

Singapore - Riverwalk | © Anthony V., flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Zukunft des Stadtverkehrs – Kurzer Überblick zu Forschung und Praxis

Forschung zum Stadtverkehr

Insgesamt werden im Rahmen der gesichteten Studien und Forschungen keine radikal veränderten Bilder für die Mobilität der Zukunft entwickelt oder initiiert. Vielmehr werden aktuelle Mobilitätstrends weiterentwickelt, wie zum Beispiel:

  • multi- und intermodale Mobilität durch eine situationsangepasste Verkehrsmittelwahl
  • gemeinsam genutzte Verkehrsmittel durch eine stärkere Nutzung von Car Bike-Sharing-Angeboten, Schlagworte: Nutzen statt Besitzen, Sharing Economy
  • elektrifizierte Verkehre wie zum Beispiel durch die Nutzung von Plugin-Hybriden, Technik zur Reichweitenverlängerung/>Range-Extender, Brennstoffzellen
  • optimierte Verkehre durch intelligente Verkehrsleit- und Verkehrsinformationssysteme
  • integrierte Mobilität durch Nutzung von Apps für die multi-modale Reiseplanung und -durchführung
  • automatisierte Mobilität durch assistierte bis fahrerlose Fahrzeuge im MIV, ÖPNV und GV, Drohnen

Durch die fortschreitende Digitalisierung und den zunehmenden Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien wird die Entwicklung beschleunigt.
Dass das Kraftfahrzeug das Kernstück der zukünftigen Mobilität bleibt, wenn auch vielleicht aus anderen Materialien, mit anderem Antrieb (bevorzugt elektrisch) und als gemeinschaftlich genutztes Fahrzeug, ist breiter Konsens.

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Ein explorativer Blick in die Zukunft: Fiktionale Stadtkonzepte in Form von Zukunftstypen

Es werden sechs Zukunftstypen entworfen, die unterschiedliche Entwicklungsrichtungen und dynamiken städtischer Prozesse und Mobilitätssysteme darstellen. Ausgangsreferenz ist der "Realtyp", zu dem die Unterschiede entwickelt werden und der weitgehend der heutigen Situation entspricht.

Realtyp

Die meisten Menschen wohnen in Städten. Die Gesellschaft ist vom Pluralismus der Lebensstile geprägt, der demografische Wandel und die damit einhergehende Alterung der Gesellschaft schreiten voran. Der Lebensstandard ist hoch, wenn auch der sozioökonomische Wandel zu einer stärkeren Polarisierung der Gesellschaft nach ökonomischen Lebensverhältnissen führt.

Das Auto ist das dominierende Verkehrsmittel. Es herrscht zwar ein Bewusstsein, dass aufgrund des Klimawandels ein Umdenken bei der Nutzung der Energieträger einsetzen muss, dieses Wissen beeinflusst die Verkehrsmittelwahl jedoch nur langsam.

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Zukunftstyp 1 – Weiter so: Verbesserung/Optimierung des Bestehenden

Der Zukunftstyp "Weiter so" beschreibt eine Stadt, die die Klimaziele anstrebt (Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um 80 bis 95 Prozent bis 2050, Erhöhung der Endenergieproduktivität um 2,1 Prozent pro Jahr).

Dazu sollen aber keine grundlegend neuen Verkehrstechnologien und -infrastrukturen implementiert, sondern das Bestehende verbessert werden. Es soll mehr Elektromobilität geben, für die auch das Netz der Ladestationen verbessert wird. Gleichzeitig werden fossile Antriebstechnologien– wenn auch in wesentlich geringerem Umfang weiter genutzt. Alle etablierten Verkehrsmittel werden beibehalten. Der Zukunftstyp "Optimierung des Bestehenden" ähnelt deshalb auf den ersten Blick stark der heutigen Stadt.

Zukunftstyp 2 – Vernetzung: Implementierung eines neuen Systems

Der Zukunftstyp "Vernetzung" beschreibt eine Stadt, die nicht nur die politisch definierten Klimaziele erreichen, sondern auch die gesamte Verkehrsbelastung reduzieren will, um mehr Platz für öffentliche Freiräume oder für Wohnbebauung zur Verfügung stellen zu können.

Dazu hat sie sich einem radikal neuen Verkehrs- und Infrastruktursystem verschrieben, das aus zwei Elementen besteht:

  • Für den überregionalen Verkehr, aber auch für längere Distanzen innerhalb der großen Metropolen existiert ein Netz von sich in Vakuumröhren bewegenden Hochgeschwindigkeitszügen (sog. Hyperloop), was an eine Rohrpost erinnert.

  • Für die Verknüpfung des nicht-motorisierten Verkehrs innerhalb dieses grobmaschigen Netzes wird ein Modulsystem mit einer höchst flexiblen Infrastruktur eingesetzt: verschieden große, autonom fahrende, aber dynamisch gesteuerte Fahrzeugkapseln (sog. PODs). Sie können sich, je nach Bedarf, als Einzelfahrzeuge durch die Stadt bewegen, oder sich zu längeren Zügen zusammenkoppeln, um zum Beispiel den Stadt-Umland-Verkehr zu versorgen. [...]

Zukunftstyp 3 – Verdichtung: Innovation durch Konkurrenz

Der Zukunftstyp "Verdichtung" beschreibt eine Stadt, in der nicht die Klimaziele Energieeinsparung oder Ressourcenschonung treibende Faktoren der Verkehrsplanung sind, sondern die Minimierung von Zeit- oder Geldaufwand für die einzelnen Nutzer.

Dieser Zukunftstyp ist deshalb von konsequenter Deregulierung geprägt. Die Gesellschaft des verdichteten Verkehrs setzt auf den freien Wettbewerb der Ideen und Technologien, staatliche Steuerung greift nicht regulierend ein sondern steuert über Förderung.

Deshalb dürfen verschiedene Verkehrssysteme und -anbieter miteinander frei konkurrieren, die qualitative und tarifliche Bandbreite der Angebote ist sehr groß. Dies führt zu einer starken Verdichtung des Verkehrs und einer einkommensabhängigen Nutzerstruktur der verschiedenen Verkehrsmittel.

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Zukunftstyp 4 – Entschleunigung: Energieeinsparung durch Verzicht

Hier wird eine Stadt beschrieben, die konsequent auf ökologische Nachhaltigkeit setzt und sich deshalb vom Wachstumsparadigma des gegenwärtigen Kapitalismus abgewandt hat.

Um weniger Energie und andere Ressourcen zu verbrauchen, reduzieren die Bewohner nicht nur das Verkehrsvolumen, sondern auch die Verkehrsgeschwindigkeit. Ziel ist dabei auch die Erhöhung der Lebensqualität. Dazu trägt vor allem die Nutzung von langsamen, aber dafür energiesparenden Verkehrsmitteln bei.

Zeiteinsparung spielt im Lebensalltag eine untergeordnete Rolle, weshalb Umwege gerne in Kauf genommen werden, wenn dafür andere Wege vermieden werden können.

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Zukunftstyp 5 – Virtualisierung: Entmaterialisierung durch Digitalisierung

Der Zukunftstyp "Virtualisierung" beschreibt eine Stadt, in der sich der Verkehr aufgrund von zunehmender Digitalisierung entmaterialisiert hat.

Fast alle Kommunikation und beinahe der gesamte Warenaustausch erfolgen über elektronische Medien. Physische Mobilität ist in dieser Stadt deshalb wesentlich weniger notwendig. Das Gros der Verkehrsleistung ist auf digitale Strukturen verlagert.

Für den verbleibenden materiellen Verkehr nimmt die Bedeutung von Geschwindigkeit wegen Geringfügigkeit ab. Angesichts des stark zurückgehenden materiellen Verkehrs und der im Vergleich zu den virtuellen Diensten geringen Energieintensität dieser Mobilitätsform spielt die Art des Antriebes keine große Rolle mehr.

Voraussetzung für diesen Zukunftstyp sind große Fortschritte in der technischen Entwicklung, wie zum Beispiel bei Hologrammen, oder bei der Feedbacksimulation, die das physische Face-to-Face-Erlebnis mehr und mehr ersetzt.

Engmaschige, leistungsfähige Datennetze müssen vorhanden sein, ebenso genügend Energiequellen für die energieintensive digitale Mobilität.

Zukunftstyp 6 – Cradle-to-Cradle: Effektivitätssteigerung durch Kreislaufwirtschaft

Der Zukunftstyp "Cradle-to-Cradle" beschreibt eine technologisch hochentwickelte Stadt, in der alle Ressourcen in einem in sich geschlossenen Kreislauf wiederverwertet werden.

Die Gesellschaft ist fortschritts- und wachstumsorientiert. Mobilität ist deshalb auch symbolisch positiv konnotiert. Es werden keine fossilen Brennstoffe mehr verbraucht, weshalb es auch keine negativen Begleiterscheinungen wie Kohlenstoffdioxid oder Schwefeldioxid mehr gibt.

Biotechnisch veränderte Pflanzen werden durch die Verschmelzung von fotosynthetischen Molekülen und elektronischen Schaltkreisen zu Kraftwerken. Künstliche Blätter erzeugen aus Sonnenlicht Sauerstoff und Wasserstoff, der für die Antriebe von Wasserstoffautos verwendet wird.

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Welcher Zukunftstyp ist erstrebenswert?

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Je radikaler der zu erwartende Einschnitt, desto dringender und intensiver muss dazu diese Diskussion geführt werden. Die oben entworfenen Zukunftstypen können durch ihre Zuspitzung dabei helfen, diesen Prozess mit anschaulichen Entwürfen zu unterfüttern und alternative Denkmöglichkeiten anzubieten.

Diese Auseinandersetzung wurde erstmalig bei einem Werkstattgespräch im April 2017 geführt, bei dem ca. 80 Teilnehmende die inhaltliche Konsistenz der Zukunftstypen diskutierten und zum Abschluss ein Meinungsbild erstellten, welchen Zukunftstyp sie für besonders erstrebenswert halten.

Das Ergebnis ist durchaus bemerkenswert: Bildet man aus den "Schulnoten" 1 (sehr erstrebenswert) bis 4 (überhaupt nicht erstrebenswert) das gewichtete Mittel, so gibt es zwei klare Verlierer (3-Verdichtung und 5-Virtualisierung) und vier nah beieinander liegende Alternativen mit dem Zukunftstyp 6-Cradle-to-Cradle an der Spitze.

Bei aller fehlenden Repräsentativität: Es wird also noch viel zu diskutieren geben.

Dieser leicht gekürzte Artikel stellt ein Zwischenergebnis eines Forschungsprojektes des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) dar.

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erstellt von:
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)


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