„Wie können lokale Ökosysteme die Entstehung neuer Start-Ups unterstützen?"

Connective Cities Projektwerkstatt, 26. – 28. Mai 2015 in Berlin

Übersicht

Vom 26. bis 28. Mai fand die dritte Connective Cities Projektwerkstatt in der Malzfabrik in Berlin statt. Die Projektwerkstatt richtete sich an Experten, die in direktem Bezug zur lokalen Wirtschaftsförderung und zur Start-Up Förderung stehen, wie etwa Mitarbeitende aus Innovation Labs oder Co-Working Spaces und wurde in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung im Rahmen der Asien Pazifik Wochen Berlin durchgeführt.

Der Workshop wurde als Folgeveranstaltung der Dialogveranstaltung „Förderung innovativer und nachhaltiger Start-Ups“ entwickelt, die im Dezember 2014 von Connective Cities in Berlin durchgeführt wurde und im Zuge derer das Thema Start-Up Ökosysteme als besonders relevant identifiziert wurde. Basierend auf den Kernergebnissen der ersten Veranstaltung beantwortete diese Projektwerkstatt Fragestellungen, die in der vorangegangenen Dialogveranstaltung aufgeworfen wurden und konkretisierte Tätigkeitsgebiete, um greifbare Projekte in der Zukunft zu verwirklichen. Der regionale Schwerpunkt lag dabei wie bei der vorherigen Veranstaltung auf Asien und der Großteil der Veranstaltungsteilnehmer kam aus Städten in asiatischen Ländern.

Programm

Keynotes

Key Note von Dr. Thomas Funke, Leiter Bereich Gründung, RKW Kompetenzzentrum, Eschborn, Deutschland: Entrepreneurship Ecosystems.

Key Note von Ahmed Bastawy, icealex, Alexandria, Ägypten: Local Ecosystems. Innovation. Collaboration. Entrepreneurship.

Key Note von Martin Venzky-Stalling, Senior Advisor, Creative Chiang Mai: The Southeast Asian Creative Cities Network: An organic bottom up network of ASEAN “second cities” with creative city / economy and other relevant initiatives, assets and resources.

Präsentationen

Die Fallbeispiele stellten einen wesentlichen Bestandteil des Workshops dar. Diese können auf dieser Seite als Rückerinnerung an den Workshop und auch von allen interessierten Stakeholdern heruntergeladen werden, die nicht an der Connective Cities Projektwerkstatt in Berlin teilnehmen konnten.

Lisa Walter, Berlin, Deutschland:
enpact. Empowering responsible entrepreneurs to shape sustainable societies worldwide

Mareike Müller,Berlin, Deutschland:
Social Impact Lab

Nathalia Nogueira & Isabel Ziviani, Berlin, Deutschland:
D-Collective. An open network and a community-run co-working space for people who wish to collaborate 

Milan Zou, Chengdu, China:
EUPIC. EU Incubation Centre

Simone Hermann, Dortmund, Deutschland:
TechnologieZentrum Dortmund

Hanns Tappen, Düsseldorf, Deutschland:
Startup Dorf. The Startup Hub Düsseldorf

Fatos Axhemi & Silvana Domi, Gjakova, Kosovo:
Jakova Innovation Center

Sa’eed Alkhateeb Altamimi, Hebron, Palästinensische Gebiete:
Hebron municipality business incubator

Jay Fajardo & Monchito Ibrahim, Manila, Philippinen:
Launch Garage & seedPH

Adrianna Tan, Singapur, Singapur:
Wobe. Building the Internet of People

Prakash Somosundram, Singapur, Singapur:
ACE. Singapore’s Start-Up Ecosystem

Florian Schweer, Stuttgart, Deutschland:
Accelerate Stuttgart GmbH

Martin Papendieck, Stuttgart, Deutschland:
generator. Hochschule der Medien Startup Center

Thaung Su Nyein & Sascha Funk, Yangon, Myanmar:
Kanaung Hub & Myanmar-Startups.com

Ergebnisse

Die Projektwerkstatt hatte zum Ziel, Schlüsselfaktoren für die Entwicklung eines Start-Ups-fördernden Umfelds zu definieren und zu identifizieren. Insbesondere ging es darum, die notwendigen Rahmenbedingungen zur Entwicklung von Strategien für regionale Herausforderungen zu schaffen und die für Start-Ups relevanten Ökosysteme zu verbessern. Regionale Netzwerke der Süd-Süd-Kooperation wurden entwickelt, um Erfahrungen der Teilnehmer auszutauschen und einen nachfrageorientierten Peer-to-Peer Beratungsprozess anzustoßen, der zur Unterstützung lokaler Entwicklungsstrategien dienen soll. Berücksichtigt wurden dabei verschiedene Modelle und Aspekte der Start-Up Förderung, wie beispielsweise hochschulnahe und unternehmensfinanzierte Gründerzentren, Co-Working Spaces und Start-Up Verbände sowie Ansätze zur öffentlichen Wirtschaftsförderung.

Die teilnehmenden Städte wurden durch Repräsentanten von Innovation Labs und anderen Start-Ups fördernden Institutionen (private und PPP), sowie von Repräsentanten der lokalen Wirtschaftsförderung oder anderen offiziellen Stellen der Wirtschaftsförderung vertreten. Durch den Austausch guter Praktiken und die Durchführung von Peer-to-Peer Beratungsrunden konnten sich die Teilnehmenden zu Verbesserungsmöglichkeiten der existierenden Bedingungen für Start-Ups in den verschiedenen Regionen austauschen und gegenseitiges Wissen und Lösungsansätze weitergeben. Außerdem wurden während der Veranstaltung gemeinsame Projektideen entwickelt und lösungsorientierte Dialoge geführt. Aus der Veranstaltung soll ein dauerhafter, internationaler Austauschprozess entstehen.

Galerie

Video

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Interviews

Eine Stadt auf dem Weg zur Gründermetropole: Florian Schweer, Geschäftsführer von Accelerate Stuttgart, will mehr Startups in der Landeshauptstadt selbst sowie in der Region etablieren. Seine Strategie erläuterte er auf dem Practitioner‘s Workshop von Connective Cities während der Asia Pacific Week in Berlin. Im Interview spricht Schweer über Herausforderungen, Probleme und Perspektiven der Gründerszene in Stuttgart und in Deutschland insgesamt.


Connective Cities (CC):
Herr Schweer, Sie wollen Stuttgart zur Startup-Hochburg machen - nach dem Vorbild des berühmten Silicon Valley in San Francisco. Wann wird in der Landeshauptstadt ein Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook gegründet?

Florian Schweer (FS):
Vermutlich nie, aber ist das auch kein Problem. Wir denken nicht so groß wie die Amerikaner, was mit den kulturellen Unterschieden und der Zielsetzung zu tun hat. Deutschland ist sehr stark geprägt vom Mittelstand – wenn hier etwas gegründet wird, dann geht es in der Regel nicht darum, das nächste große Ding herauszubringen und einen Riesenkonzern daraus zu formen. Bei uns stehen eher Nachhaltigkeit und kontinuierliches Wachstum im Vordergrund.

CC:
Dennoch haben Sie als Leitbild den Begriff „Neckar Valley“ gewählt. Warum?

FS:
Unsere Vision ist, das Netzwerk aus Gründern, Investoren, etablierten Unternehmen und Förderern weiter auszudehnen – genau so, wie es im Silicon Valley geschehen ist. Hier können wir von den Amerikanern noch Einiges lernen – das gilt für Stuttgart und auch für ganz Deutschland. Sie sind da schon viel weiter.

CC:
Woran liegt das?

FS:
Es gibt viele Ursachen. Ein wichtiger Grund ist, dass Deutsche in der Regel nicht so risikobereit sind wie Amerikaner. Die Bereitschaft, etwas auszuprobieren, ist dort kulturell anders ausgeprägt. Das Scheitern wird nicht so stigmatisiert wie in Deutschland. Viele erfolgreiche Gründer in Amerika haben einige Versuche gebraucht – und diese Chance auch immer wieder bekommen. Generell herrscht in Deutschland auch eine zurückhaltendere Bereitschaft seitens der Investoren – da stecken wir im Vergleich noch in den Kinderschuhen.


CC:
Wo sehen Sie Potenzial für Unterstützung?

FS:
Wir beobachten, dass Mittelständler aktiver werden und auf uns zukommen: ‚Erzählt uns was über das Thema Startup. Wir interessieren uns für dieses Thema. Ihr seid die Experten und wir wollen darüber mehr erfahren.’ Das ist für uns natürlich super, weil wir jetzt mit ihnen ins Gespräch kommen über die Arbeit, die in den letzten Jahren geleistet worden ist.

CC:
Also lernt der Mittelstand von den Gründern?

FS:
In der Regel entwickeln Mittelständler etwas zu Ende, knallen ein Patent drauf, um sich die Technologie zu sichern, und gehen dann mit dem Produkt auf den Markt. Unser Ansatz ist ja genau umgekehrt: Wir entwickeln ein Produkt bis zu einem gewissen Punkt und testen dann, ob es überhaupt einen Markt gibt. Falls ja, entwickeln wir das Produkt bis zum Ende. Ansonsten stampfen wir es ein und widmen uns der nächsten Idee.

CC:
Wenn die Innovationskultur sich so stark unterscheidet – wie soll dann die Zusammenarbeit klappen?

FS:
Das sind natürlich zwei Denkhaltungen, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Aber wir sind überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit von Startups mit etablierten Unternehmen beide Akteure wirklich voranbringt.

CC:
Zum Beispiel?

FS:
Vielleicht lässt es sich mit einem Bild erklären: Das etablierte Unternehmen ist ein großes Schiff, relativ unbeweglich, hat aber die Möglichkeit, lange Distanzen zu überbrücken und schafft es auch mal durch einen Sturm, ein raues Fahrwasser zu kommen. Das Startup ist im Vergleich ein Schnellboot, es fährt hohes Tempo und  ist extrem wendig. Es ist aber anfällig bei rauer See und hat nicht die Reichweite von einem großen Schiff. Wenn die beiden im Verbund miteinander arbeiten, dann hat das Schnellboot die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und dann zum Tanker zurückfahren – es kann ihm sagen, die Richtung stimmt nicht, es zieht schlechtes Wetter auf. Also ganz praktisch: Das Startup kann den Markt testen und sagen, ob ein Produkt angenommen wird oder ob eine andere Richtung einschlagen werden sollte.

CC:
Wie sieht es mit der Unterstützung durch die Politik aus?

FS:
Die Politiker wachen immer mehr auf – gerade im Bereich Innovation ist etwa die Landesregierung zum Beispiel mit Innovationsgutscheinen sehr engagiert. Das freut uns, denn natürlich ist das auch unser Bestreben. So gibt es in Baden-Württemberg eine große Landkarte an Förderprogrammen. Man versucht hier an mehreren Ecken wie zum Beispiel bei der Existenzgründung zu unterstützen. Das Angebot ist respektabel, die Prozesse sind schlank und die Reaktionszeiten sind für öffentliche Institutionen recht zügig.

CC:
Was macht die Stadt Stuttgart?

FS:
Sie ist sehr daran interessiert, attraktiv zu sein für junge Unternehmen. Aktuell haben wir neue Räumlichkeiten in Stuttgart angemietet, wo wir zukünftig ein Accelerator-Programm betreiben werden. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch mit der Stadt über Formen möglicher Unterstützung.


CC:
Was genau leistet ein solches Programm?

FS:
Wir bringen zum Beispiel etablierte Unternehmen und Gründer zusammen. In Zusammenarbeit mit Partnern aus der Industrie  können fünf Teams sechs Monate lang zu einem bestimmten Themengebiet an innovativen Produkten und Dienstleistungen arbeiten. Wir stellen die  Büroflächen für die einzelnen Teams, wo diese zusammen mit uns ihren Arbeitstag verbringen und  ein Curriculum abarbeiten.

CC:
Was sind die Ziele?

FS:
Im Prinzip geht es darum, von der Idee bis hin zum funktionierenden Produkt zu gelangen, das ausreichend getestet wurde und von dem man hinreichend sicher ist, dass es funktioniert. Ziel eines Accelerator-Programms ist auch, dass die Teams so weit sind, dass sie finanzielle Unterstützung von privaten Investoren, den Business Angels, oder Risikokapital-Gesellschaften akquirieren können – also durch externes Geld auf der Basis unseres Beschleunigerprogramms an der weiteren Entwicklung ihres Unternehmens arbeiten können – beispielsweise das Team verstärken und skalieren können.

CC:
Was genau ist dabei Ihre Aufgabe?

FS:
Wir stehen für eine methodische Unterstützung  auf dem Weg von der Idee zum sogenannten Product Market Fit. Im Idealfall schaffen die Teams mit dem Abschluss auch erfolgreich Investorengeld zu akquirieren. Am Ende des Programms gibt es einen Demo Day, zu dem wir Leute einladen, die Interesse haben, Geld zu investieren. Das ist für uns als Betreiber des Accelerator-Programms natürlich sehr spannend, denn wir müssen uns am Erfolg der Alumni-Teams messen lassen: Wie reif sind die Teams, wie gut stehen sie inhaltlich da, wie präsentieren sie? Wir liefern das Curriculum, in weitestem Sinn also den Stundenplan.   

CC:
Gibt es darüber hinaus Unterstützung?

FS:
Wir verfügen über ein großes Netzwerk. Wir holen externe Mentoren aus verschiedenen Fachgebieten hinzu. Wenn es etwa um rechtliche Fragen geht, binden wir Juristen ein. Wir haben auch eine Steuerberaterin im Netzwerk. Eine Agentur kümmert sich um das Thema Branding. Es kommen immer wieder neue Impulse von außen; neue Ansprechpartner, an die sich die Teams wenden können.   

CC:
Auch Impulse aus dem Ausland?

FS:
Uns geht es darum, auch Ansprechpartner für alle zu sein, die von außen kommen: Institutionen und interessierten Personen, von wo auch immer sie kommen, eine Art Landebahn zu bieten – als Vermittler von Ansprechpartnern, als Unterstützer bei der Realisierung einer Geschäftsidee oder auch einfach durch Bereitstellung eines temporären Arbeitsplatzes. Kathleen Fritzsche und Johannes Ellenberg, zwei der Accelerate-Gründer, kommen direkt aus der Startup-Weekend-Bewegung, die global ist. Beide haben für sie jahrelang ehrenamtlich gearbeitet. Kathleen Fritzsche ist bei vielen internationalen Startup-Veranstaltungen und Netzwerken involviert, wie zum Beispiel Startup Extreme in Norwegen im Juni dieses Jahres. Ich persönlich kümmere mich unter anderem um den Austausch in Deutschland – etwa durch die Teilnahme am Practitioner‘s Workshop von Connective Cities im Rahmen der Asia Pacific Week in Berlin.

CC:
Welche Erkenntnisse haben Sie in Berlin gewonnen?

FS:
Beeindruckt haben mich vor allem die Projekte und Initiativen aus Asien. Länder wie zum Beispiel die Philippinen oder auch Singapur sind sehr weit vorne beim Thema Startups. Die Regierungen unterstützen Gründer dort ganz massiv. Sie  investieren in Zeit, Manpower und Geld. In Singapur werden riesige Gründerzentren hochgezogen – das war mir vorher in diesem Ausmaß nicht bewusst. Klar, da ist eine Menge Geld vorhanden. Trotzdem hatte ich in Berlin insgesamt das Gefühl, dass wir als Deutsche in diesem Bereich noch ein Entwicklungsland sind. Wenngleich natürlich auch hier inzwischen sehr viel passiert.

CC:
Wie schätzen Sie die Zukunft von Startups in Deutschland ein?

FS:
Das Thema Startups und deren Potenzial, neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist in den Köpfen angekommen. Das tut dem Wirtschaftsstandort Deutschland sehr gut. Wenn wir jetzt noch mehr Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Unternehmen hinbekommen, gegenseitig Vorurteile abbauen und öffentliche Förderungen einbinden können, dann wird das eine gute Sache. Wichtig ist, dass alle in dieselbe Richtung marschieren – dann funktioniert auch die Innovationskultur in Deutschland.   

CC:
Herr Schweer, vielen Dank für das Interview!


Kategorien:ExistenzgründungsförderungInnovationsförderungLokale WirtschaftsentwicklungDokumentationConnective Cities
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