Neue Potenziale in der Stadtplanung für eine lebenswertere Zukunft

Jordanische Delegation nimmt aus Deutschland Anregungen für eine effiziente und nachhaltige Stadtentwicklung mit nach Amman

Von dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht, das ändern wir nicht“ hält das Stadtplanungsamt der jordanischen Hauptstadt Amman nicht viel. Seit 2020  hat es sich an einem internationalen Dialogprozess zu nachhaltiger Stadtplanung von Connective Cities beteiligt, sich mit anderen Stadtplanenden aus aller Welt ausgetauscht und externe Expertise aus dem Netzwerk für die Planung eines neuen Viertels eingeholt. Im August 2022 reiste eine 11-köpfige Delegation des Stadtplanungsamtes von Amman zum Abschluss dieses Prozesses nach Deutschland und sammelte viele Ideen, wie sich die Stadtplanung in Amman verbessern lässt. Dabei machte sie Station in Münster, Dortmund, Köln und Frankfurt am Main.

Eine Baurechtsverordnung für Jordanien

„Wir erstellen aktuell einen Entwurf für eine nationale Baurechtsverordnung. Sie ist notwendig, um allen Beteiligten – von Landbesitzenden bis hin zu den Planungsämtern der Kommunen – bei der Stadt- und Raumplanung mehr Rechtssicherheit zu geben“, erläuterte Rima Odeh, Direktorin des Stadtplanungsamts von Amman. Über den Entwurf werde hoffentlich im kommenden Jahr das jordanische Parlament abstimmen. Inspirationen für mögliche Inhalte der Baurechtsverordnung erhielt die Delegation unter anderem von Prof. Dr. Frank Othengrafen, Professor für Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Dortmund. Er erläuterte, welch hohen Stellenwert in Deutschland die Partizipation der Bevölkerung an Planungsprozessen habe und wie von Gesetzes wegen Planende den Flächenverbrauch reduzieren müssten. Dies geschehe unter anderem durch die Revitalisierung von Brachland und innerstädtische Verdichtung.

Planung neuer Quartiere

Die Bevölkerung von Amman wächst rasant. Daher muss kontinuierlich neuer Wohnraum geschaffen werden. Ideen hierzu erhielt die Delegation unter anderem in Münster, wo sie das derzeit auf dem Gelände einer ehemaligen britischen Kaserne entstehende York-Quartier besuchte. „Ich finde den Ansatz einer integrierten Stadtplanung beim York-Quartier sehr interessant. Hier werden Verkehr, Umwelt, Wohnraumbedarf und soziale Aspekte gemeinsam bedacht“, sagte eine Teilnehmerin.

Impulse aus Köln: Kommunalverband und Einbindung der Privatwirtschaft

In Köln besuchte die Delegation den Deutschen Städtetag, wo sie großes Interesse an den Aufgaben und Zuständigkeiten von Kommunalverbänden hatte, die es in Jordanien so nicht gibt. Holger Hoffschröer, Geschäftsführender Gesellschafter des Architektur- und Planungsbüros Reicher Haase Assoziierte, stellte vor, wie in Deutschland die Privatwirtschaft in Form von Wettbewerben in städtische Planungsprozessen eingebunden wird. Dieser Ansatz stieß bei den Mitarbeitenden des städtischen Planungsamtes von Amman auf großes Interesse, denn in Jordanien entwickle die Verwaltung in der Regel selbst die Pläne.

Flurbereinigung und Bebauungsplanung in Frankfurt

Als letzte Station ihrer Reise besuchte die Gruppe Frankfurt am Main. Auch hier besuchte sie neu entwickelte Quartiere und war überrascht, wie viel Zeit städtebauliche Planungen in Deutschland benötigen. In Jordanien würde in der Regel viel schneller geplant und dabei würden aber weniger die Bedürfnisse der Bevölkerung in den Blick genommen. Beim Besuch des Stadtvermessungsamtes nahm die Delegation aus einem Vortrag von Benedikt Post, Leiter des Frankfurter Stadtvermessungsamtes, die Anregung mit nach Hause, im Planungsamt von Amman eine Stelle einzurichten, die explizit für die Flurbereinigung zuständig ist. Damit könne man die Hürden reduzieren, auf die die Verwaltung immer wieder stoße, unter anderem wenn sich Grundbesitzende gegen die Neuordnung des Bodens wehren würden.

Fazit nach fünf Tagen

An Ende ihrer Reise hatten die Mitarbeitenden des Planungsamts von Amman viele Instrumente kennengelernt, die in Deutschland bei der Stadtplanung zu Einsatz kommen. Sie besprachen ihre zentralen Herausforderungen mit Fachleuten in Münster, Dortmund, Köln und Frankfurt und erhielten wertvolle Tipps für ihr weiteres Vorgehen insbesondere beim Entwerfen einer Baurechtsverordnung und bei der Planung neuer Quartiere. „Wir wären sehr daran interessiert, auch in Zukunft von deutscher Seite beraten werden zu können“, sagte Rima Odeh. Eine andere Teilnehmerin ergänzte: „Mein Geist ist in den vergangenen Tagen aufgeblüht, wir haben so viel Interessantes gesehen und gehört.“

Was der Delegation von der Reise bleibt, ist weit mehr als die vielen Eindrücke und Informationen. Sie erfuhr, welch großes Potenzial die Stadtplanung für eine nachhaltige Zukunft der Städte hat. Alle Teilnehmenden waren hochmotiviert, ihre während der Reise neu entwickelten Ideen möglichst bald und umfassend – angepasst an den jordanischen Kontext – umzusetzen.

Impressionen

Top