Gendersensible Stadtentwicklung

Eigentlich sollten Städte auf die Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger eingehen. Die meisten Städte funktionieren Städte aber besser für Männer als für Frauen und Mädchen sowie vulnerable Gruppen. Dies betrifft viele Aspekte der städtischen Entwicklung wie beispielsweise den Zugang zu öffentlichem Raum und kommunalen Dienstleistungen, die Sicherheit, die Gesundheit und Hygiene, die Mobilität in den Städten, sowie auch das Wohnen, wirtschaftliche Chancen und die Teilhabe an urbanen Planungsprozessen. In vielen dieser Schlüsselaspekte der urbanen Umwelt und der städtischen Organisation wird durch die Praxis in der Stadtentwicklung oft dazu beigetragen, dass sich bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten verstetigen oder sogar verstärken. Städte können sich jedoch aktiv als Akteure für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen, wenn sie sich als Ausgangpunkt für die gesellschaftliche Wandel begreifen.

Öffentlicher Freiraum ist oft nicht sicher und nicht sauber

Grünflächen und öffentliche Freiräume in der Stadt werden von allen Geschlechtern, Kulturen und Altersgruppen gerne genutzt und leisten einen wichtigen Beitrag zur Erholung und physischen und psychischen Gesundheit der städtischen Bevölkerung. Fehlendes Licht und fehlende Toiletten im öffentlichen Raum jedoch führen dazu, dass sich Frauen viele öffentlichen Plätzen meiden, da sie sich unsicher fühlen und die Infrastruktur ihren Anforderungen an Hygiene nicht gerecht wird.

Trennung von Wohn- und Arbeitsvierteln verschlechtert wirtschaftliche Chancen von Frauen

Weltweit sind Frauen im Durchschnitt seltener erwerbstätig als Männer. Häufig werden sie durch die Pflege von Kindern oder Älteren vom Arbeitsmarkt ferngehalten oder gehen dadurch eine Doppelbelastung ein. Gleichzeitig verdienen Frauen in gleichen Positionen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen. Geschlechtersensible Ansätze zur Förderung der Frauenbeschäftigung, wie in der Guten Praktik des Trainings- und Entwicklungszentrum für Frauen in der Gemeinde Hay Al-Andalus in Libyen, sind wichtige Elemente, um dies abzufedern. In Städten erschwert jedoch zusätzlich eine Stadtplanung, in welcher Wohn- und Arbeitsraum strikt voneinander getrennt sind, die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen und der familiären Betreuung. Die Architektur vieler Städte trägt so zur Reproduktion bestehender wirtschaftlicher Ungleichheiten bei.

Krise um bezahlbaren Wohnraum betrifft besonders Frauen

Eine weitere wichtige Gender-Dimensionen in der Stadtplanung ist der bezahlbare Wohnraum. Dieser ist für alle Geschlechter eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen von Städten. Der kumulative Effekt von Arbeitsmarktsegregation, häufigerer Teilzeitarbeit, niedrigeren Löhnen und letztendlich niedrigen Renten führt dazu, dass Frauen im Durchschnitt weniger verfügbares Einkommen für Wohnen haben. Die Krise des bezahlbaren Wohnraums betrifft daher zwar alle, aber Frauen sind besonders stark davon betroffen.

Abwesenheit von Frauen in der Planung

Viele der genannten und weiteren Probleme der gendergerechten Stadtentwicklung rühren größtenteils von der Abwesenheit von Frauen, Mädchen und sexuellen Minderheiten in Entscheidungsprozessen her. Die Bedürfnisse verschiedener Geschlechter werden so nicht in die Stadtplanung eingebunden und oft fehlt das Bewusstsein über verschiedene Nutzungsmuster von öffentlichem Raum und öffentlichem Nahverkehr.

Gestärktes Bewusstsein und gute Beispiele

Gleichzeitig wächst jedoch auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Gender-Aspekten für eine nachhaltige und inklusive Stadtentwicklung.

In den letzten Jahrzehnten haben kommunale Fachleute aus Wissenschaft und Praxis begonnen, sich damit auseinanderzusetzen, wie Städte entworfen und geplant werden können, dass sie für alle gut funktionieren. Sie heben hervor, dass physische Strukturen der Stadt und die Gestaltung des öffentlichen Raumes dazu beitragen können, gleiche Rechte und Chancen für eine Vielzahl von Gruppen zu gewährleisten.

Gepflegte multifunktionale Plätze und Räume, mit unterschiedlichen Angeboten und viel Platz zum Verweilen werden von allen Geschlechtern, Kulturen und Altersgruppen gerne genutzt. Sie sind beliebt und belebt; sie sind Räume gelebter Stadtgemeinschaft und dadurch auch sicher. Viele „Augen“ sind nicht nur sympathischer als Überwachungskameras; sie sind auch effektiver. Dort, wo dies erfolgreich umgesetzt werden konnte, sinkt die Gewaltrate massiv – gegenüber Mädchen und Frauen wie auch unter männlichen Jugendlichen.

Frauen bewegen sich eher im eigenen Stadtviertel und hin zu benachbarten Vierteln. Sie gehen primär zu Fuß, fahren mit dem Fahrrad oder nutzen öffentliche Verkehrsmittel über kurze Strecken. Frauen benötigen daher gut ausgebaute ausreichend breite barrierefreie Fuß- und Radwege und ein radiales Netz von Verkehrsanbindungen, dass benachbarte Stadteile miteinander verbindet. Dies ist bis heute aber eher die Ausnahme als die Regel.

Barcelona, eine Stadt, die seit 2015 von der Bürgermeisterin Ada Colau regiert wird, zeigt, dass es geht und wie es geht: What would a city designed by women be like? (kurze BBC-Reportage) .

Das Beispiel zeigt auch, dass die Beteiligung von Frauen in Stadtparlamenten und Verwaltung sehr wichtig ist. Etwa 130 Länder haben in unterschiedlichen Regelungen und auf unterschiedlichen Ebenen bereits Frauenquoten eingeführt. In diesen Ländern steigt nachweislich der Anteil der Frauen in den Parlamenten. Und Studien zeigen: Auf kommunaler Ebene gibt es eine klare Korrelation zwischen einem hohen Frauenanteil in Stadtparlament und Stadtverwaltung und einer gendersensiblen Stadtentwicklung.

Allgemein sind Mädchen und junge Frauen die besten Expertinnen, wenn es um ihre tägliche Realität geht. Beispielsweise hat der schwedische Think Tank Global Utmaning die Ergebnisse der #UrbanGirlsMovement im #UrbanGirlsCatalogue anschaulich dokumentiert. Er enthält eine Vielzahl von Guten Praktiken und Politikempfehlungen für die Einbeziehung von Mädchen in die Stadtplanung.

Gender als Querschnittsthema in Connective Cities

Durch den Fokus auf Gendersensibilität als Querschnittsthema im Connective Cities Projekt wird die Bedeutung, die Gender-Perspektive in allen Bereichen der Stadtentwicklung zu integrieren, hervorgehoben.

Auch im Rahmen des COVID-19-Programms von Connective Cities beschäftigen sich Städte intensiv mit den Auswirkungen der Pandemie auf die geschlechtersensible Stadtentwicklung, denn an vielen Stellen wurden bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern während der COVID-19 Pandemie offengelegt und weiter verschärft. Dies zeigt sich in allen Bereichen: Im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft und im sozialen Leben. Häusliche Gewalt, sozioökonomisches Wohlbefinden von Frauen und geschlechtergerechte Stadtplanung sind dabei unter anderem Themen zu denen Städte aus allen Weltregionen in kleinen Arbeitsgruppen bestehende Ansätze diskutieren und anpassen sowie innovative Lösungsansätze entwickeln.
 

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Foto (Bild oben): Adrian Seliga | istock

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Publikationen

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2021 - How small-scale projects at local level can contribute to big-scale goals at global level

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

Capacity building for gender equality at the local level

2021 - Understanding the environment an learning from good practices!

Capacity and Institution Building (CIB) Working Group of UCLG

Her City

2021 - A guide for cities to sustainable and inclusive urban planning and design together with girls

UN-Habitat, Global Utmaning

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